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Wissenschaft von Rechts

Rechte Ideologie, Theorie und Netzwerke an Hochschulen

 
BdWi-Studienheft 9

Editorial

Viele mögen spontan an prügelnde Nazis in sozialen Brennpunkten denken, wenn der Begriff ›Rechtsex-tremismus‹ fällt. Die Wissenschaft erscheint demge-genüber als Hort der Bildung, der Vernunft und der Humanität. Diese Gegenüberstellung ist trügerisch. Rechte und rechtsextreme Denkweisen sind fester Bestandteil der deutschen und der österreichischen Hochschulgeschichte. Innerhalb der deutschen Stu-dierendenschaft hatten die Nazis bereits Jahre vor der ›Machtergreifung‹ die Hegemonie. Doch es geht nicht allein um politische Einstellungen, sondern auch um Wissenschaftsproduktion. Die Hochschulen waren immer auch ein Ort, an dem etwa durch ras-sistische und biologistische Theorieentwicklungen gesellschaftliche Ressentiments ›wissenschaftlich‹ legitimiert und menschenverachtende politische Ideologien in der Gesellschaft unterstützt wurden. Zugleich werden an Hochschulen gesellschaftliche Multiplikator_innen und Meinungsführer_innen aus-gebildet, die sich selbst mitunter als ›Führungselite‹ sehen. So haben sich hier auch bis heute rechte männerbündische akademisch-politische Netzwerke und Seilschaften entwickelt, um Einfluss auf Medien, Kultur und politische Willensbildung insgesamt zu nehmen.
Mit diesen unterschiedlichen Facetten des Themas ›Wissenschaft von Rechts‹ befasst sich das vorlie-gende Studienheft. Dabei darf natürlich nicht die Gegenperspektive zu kurz kommen. Die Hochschu-len waren immer ein politisch umkämpftes Gelände. Folglich gab und gibt es an ihnen auch organisierten Widerstand gegen rechtsextreme Praktiken, Ideolo-gien und Theorieproduktionen. So stellen wir hier verschiedene Ansätze kritischer Wissenschaft vor, die sich mit rechtsextremer Politik und Theorie aus-einandersetzen. Last but not least geht es um wis-senschaftlich reflektierte Prävention und die Möglich-keiten unmittelbaren antifaschistischen Engage-ments in der Institution Hochschule.

Torsten Bultmann, Steffen Käthner
(Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler / BdWi)

Jan Cloppenburg, Katharina Mahrt
(freier zusammenschluss von studentInnenschaften / fzs)

Andreas Keller
(Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft / GEW)

Janine Wulz
(Österreichische HochschülerInnenschaft / ÖH)

Mike Niederstraßer, Cindy Salzwedel
(StuRa der FSU Jena)
 

Inhalt

 
Einleitung und Überblick

Vorwort der Redaktion - 4
zu rechten Tendenzen in Hochschule und Wissenschaft

Historische Dimensionen - 5
Gisela Notz beleuchtet die Geschichte des akademischen Rechtsextremismus

 
Rechte Diskurse und Ideologieproduktion

»Natürliche Geschlechterordnung« - 9
Geschlechtsblinde Schwachstellen der Rechtsextremismusforschung identifiziert Judith Goetz

»Menschenrassen« - 13
Michael Zander skizziert die Verabschiedung eines überholten Begriffs aus der Biologie

Rechtspopulismus, Kulturrassismus und Antimuslimismus - 16
Neue Aktualität rechtspopulistischer Strömungen diagnostiziert Christoph Butterwegge

Elitenzucht statt Bildungspolitik - 20
Torsten Bultmann kritisiert reaktionäre Stereotype

Gegen Extremismus oder: Mit Sicherheit da-neben - 24
Matthias Falter analysiert Problematik und Effekte des Extremismuskonzeptes

 
Autoritarismus, Demokratie und Krise in Europa

Menschenverachtende Einstellungen - 28
Niko Huke und Aljoscha Pilger beobachten die organisierte Rechte in der Eurokrise

Das Österreich-Verständnis der Parteien nach 1945 - 31
Nicolas Bechter und Carina Klammer beschreiben die nationale Identitätsbildung in Österreich

Vorwärts in die Vergangenheit - 35
Die autoritäre Wende der ungarischen Bildungspolitik kritisiert István Grajczjár

 
Rechte Strukturen, Netzwerke und Strömungen

Extreme Rechte und Frauen - 38
Gudrun Hentges bilanziert den Forschungs- und Diskussionsstand

Ein jungkonservatives Netzwerk - 42
Helmut Kellershohn analysiert die Strategie von Junger Freiheit und Institut für Staatspolitik

Wer »Deutscher« ist, bestimmt der Verband - 46
Die Debatte in der Deutschen Burschenschaft fasst Alexandra Kurth zusammen

Wenn Deutschnationale in der Wiener Hofburg tanzen - 50
Matthias Vigl und Janine Wulz über Tradition und Querverbindungen des studentischen Verbindungswesens

 
Gegenaktivitäten und Prävention

Geschlechterreflektierte Pädagogik als Prä-vention - 54
Vivien Laumann hinterfragt die Attraktivität rechtsextremer Geschlechterrollen

Problemlösung oder Verdrängung - 58
Die neue Kontroverse um ein NPD-Verbot kommentiert Rolf Gössner

Antifaschistisches Engagement an Hochschu-len - 61
Lehren und Erfahrungen mit antifaschistischer Arbeit an Hochschulen, zusammengefasst vom AK Antifa des fzs